DenkmalDebatten
© Mut zu Kultur

Partizipation - Chancen für die Denkmalpflege

Vereine ergreifen Partei

In Weimar retteten Studenten im Jahr 2011 ihre Mensa vor dem Abriss und initiierten ihre Unterschutzstellung. In Köln trugen sich zeitgleich viele tausend Menschen in die Unterschriftenliste für das Bürgerbegehen gegen den Abriss ihres denkmalgeschützten Schauspielhauses ein. Währenddessen besetzten kreative Menschen in Hamburg ein Innenstadtviertel und verhinderten, dass Spekulanten diesen letzten Fleck historischer Bausubstanz für Neubauten verschwinden lassen. In Bonn stritten sich Studierende der Kunstgeschichte mit den Befürwortern eines Abrisses der denkmalgeschützten Beethovenhalle. In Hannover gingen Menschen auf die Straße, um zu erreichen, dass das Herzstück ihres Landesparlaments, der von Dieter Oesterlen erbaute Plenarsaal, erhalten bleibt. In ganz Deutschland setzen sich Menschen für Denkmale ein und fordern durch lautstarken Protest ein Mitspracherecht bei Entscheidungen darüber, was mit denkmalwürdigen und denkmalgeschützten Gebäuden passieren soll.

Aktuelle Beispiele wie die Mensadebatte an der Bauhaus-Universität in Weimar und die Aktionen für den Erhalt des Schauspielhauses in Köln zeigen, dass sich vor Ort eine große Zahl von Menschen mit Denkmalpflege auseinandersetzt. Missstände anprangernd, verschaffen sie dem Denkmalschutz eine neue Stimme. Durch vielfältige Aktionen, zu denen Führungen, Diskussionsveranstaltungen, aber auch die umfassende Dokumentation der Denkmalwerte eines Objektes zählen, sind Initiativen wichtige Mitspieler, wenn es um die Akzeptanzsteigerung und Sicherung eines Denkmals geht. Ehrenamtlich tragen sie ein neues Bewusstsein für die Qualitäten denkmalwerter und -geschützter Bauten in die Öffentlichkeit.

© Gängeviertel e.V., Christine Ebeling
Kreative Werbung für Denkmale: Passanten werden eingeladen, das Hamburger Gängeviertel zu besuchen und sich für den Erhalt zu engagieren

Häufig schließen sich Interessierte als Bürgerinitiativen und Vereine zusammen und können damit den Mangel an personellen Ressourcen und die zeitaufwendigen Verwaltungsprozesse in den Denkmalämtern kompensieren. Dabei betreiben sie eine bürgernahe, auf Kenntnisse ebenso wie auf Emotionen gegründete Öffentlichkeitsarbeit für Denkmale, die für ihre Wahrnehmung und die darauf aufbauende Sicherung und Pflege dringend notwendig ist.

Eine angemessene Beteiligung der Mitglieder von Bürgerinitiativen an den denkmalrelevanten Entscheidungsprozessen findet hingegen nicht statt. Bei den Beschlüssen, die für "ihr" Denkmal getroffen werden, fühlen sich die Engagierten oft übergangen bzw. nicht in dem Maße beteiligt, das sie anstreben. Dass es mehr Bürgerbeteiligung auch in der Denkmalpflege geben muss – und vor allem mehr wirkliche Partizipation im Sinne von Sherry Arnstein –, das fordern vor allem die aktiven Bürgerinitiativen, die sich aktuell für den Schutz und Erhalt von Denkmalen einsetzen.

„Wir haben das Recht, als Anwalt unseres kulturellen Erbes aufzutreten.“

Jörg Sellerbeck, Bürgerinitiative “Rettet Lübeck” e. V. (2012)

© BIRL e.V., Jörg Sellerbeck
Ausstellung der BIRL im Heiligen-Geist-Hospital Lübeck 2011

Beanstandet wird bei Denkmaldiskussionen in den meisten Fällen die mangelnde Kommunikation zwischen Betroffenen, Ämtern und Politik. Über die Partizipationsstufen der Beratung bzw. Anhörung oder der Scheinbefugnis kommen Vereine und Bürgerinitiativen nur selten hinaus. Die von ihnen angestrebte Partnerschaft (Stufe 6 nach Arnstein) wird so gut wie nie realisiert. Selbst in beratenden Ausschüssen und Beiräten findet oftmals lediglich eine Anhörung der Belange statt, es kommt nicht oder nur sehr selten zu einer Umsetzung der Anregungen. Und auch wenn man auf das Wissen um Details zurückgreift, das sich jede Initiative aus Interesse an der Sache aneignet, so geht die zuständige Verwaltung dabei selten offizielle Wege. Vielmehr sind es häufig Absprachen in den Hinterzimmern, die sachliche Lücken schließen.

Hier einen Weg für eine partizipative Zusammenarbeit zu schaffen, der Unterstützung für die Verantwortlichen und die Berücksichtigung der Arbeit der Ehrenamtlichen ermöglicht, ist eine Herausforderung, der sich bisher nur wenige gestellt haben. Eine angemessene Beteiligung der Engagierten auf einem offiziellen, damit ihren Einsatz, aber auch ihr Spezialwissen anerkennenden Weg, der auch ein Mitspracherecht bei Entscheidungen zu dem entsprechenden Fall einschließt, würde die Chance eröffnen, mit einer effizienten Bündelung von Kapazitäten eine Beschleunigung von Prozessen abseits von festgefahrenen Strukturen zu erreichen.

Die Beschlüsse dazu, was mit einem Denkmal geschieht, obliegen von Rechts wegen den Denkmalämtern und Verwaltungen. Hier ist zu überlegen, wie Bürgerengagement auf offiziellem Wege stärker einbezogen werden und dazu feste Strukturen gelockert werden könnten. Die Zusammenarbeit zwischen Ämtern und Ehrenamtlichen gestaltet sich aktuell oftmals sehr langwierig und fordert bisweilen sowohl eine gesunde Bereitschaft zur Selbstausbeutung als auch eine gute Portion Durchhaltevermögen:

„Bis zu einer Beteiligung, das ist ein langer Weg. In den ersten zehn Jahren sind unsere Projekte fast alle gescheitert. Da braucht man einen sehr langen Atem. Bis man weiß, mit wem man wann reden muss und wer wann direkt angesprochen werden sollte, da muss man erst einmal durchblicken. Und auch heute ist es nicht so, dass wir wirklich dann beteiligt werden, wenn es dringendst empfehlenswert ist. Wir werden angehört – aber was dann daraus gemacht wird, das steht auf einem anderen Blatt. Das ist in Wahrheit nur eine Schein-Beteiligung. Da heißt es dann andere Wege gehen und durch eine starke Öffentlichkeitsarbeit richtig Wirbel verursachen. Notfalls auch mit Petitionen, die manche Verfahren dann zunächst auf Eis legen.“

Heinz Riepshoff, Interessengemeinschaft Bauernhaus e. V. (2012)

Doch nicht nur Bürgerinitiativen und Vereine haben ein Interesse an denkmalpflegerischen Prozessen. Auch Privateigentümer und unorganisierte Bürger wünschen zunehmend eine stärkere Beteiligung an den Entscheidungen, die ihr unmittelbares Umfeld betreffen. Unwissenheit um Vorgaben, um Möglichkeiten und Förderungen führen oftmals zu Unsicherheiten im Umgang mit dem Denkmalschutz. Seien es die Auflagen, die zu erfüllen sind, um eine angemessene Erhaltung und Restaurierung des eigenen Denkmals zu gewährleisten, oder seien es Diskussionen innerhalb des Wohnumfeldes, bei denen der Denkmalschutz eine Rolle spielt – oftmals fühlen sich Betroffene übergangen und nicht ausreichend informiert. Dann fehlt ein Forum für Ideen und fachliche Alternativmöglichkeiten, es fehlen Ansprechpartner. In Zeiten personeller Kürzungen bei der staatlichen Denkmalpflege ist dies vonseiten der Landesämter und Denkmalschutzbehörden kaum zu kompensieren.

© Werkstatt Baukultur Bonn, Wolfgang Kirschbaum
Mahnwache vor der Beethovenhalle: Ein wichtiges Wort wird in Abrissdiskussionen leider allzu schnell vergessen.

In Diskussionen um mehr Partizipation in der Denkmalpflege zwischen Fachleuten und Engagierten ist umstritten, ob die Modelle, die beispielsweise Partizipation im Städtebau ermöglichen, auch für die Belange des Denkmalschutzes angewendet werden können. Die Frage, ob Partizipation in der Denkmalpflege kollektiv alle Bürgerinnen und Bürger einbeziehen oder ob einzelne Engagierte ausgewählt werden sollten, ist bisher nur zögerlich diskutiert worden. Die Voraussetzungen, die für denkmalpflegerische Arbeit gegeben sein müssen, sind mit vielen partizipativen Modellen für Bürgerbeteiligung, wie sie bereits seit längerem existieren, auf den ersten Blick nur schwer kompatibel. Grundsätzlich und ergebnisoffen ist jedoch nachzudenken über eine Denkmalpflege, die Aufgaben und Kompetenzen an die Gesellschaft zurückgibt und Verantwortlichkeit neu strukturiert.

Die Einsetzung ehrenamtlicher Ansprechpartner vor Ort, die beratend und helfend zur Seite stehen, könnte eine Lösung für das fehlende Forum sein. Partizipations-Modelle wie ein "Runder Tisch" stellen eine Möglichkeit dar, sich über die Beweggründe, Wünsche und Forderungen von Betroffenen ein Bild zu verschaffen und miteinander in Kontakt zu treten. Wie bei allen Modellen, die für mehr Partizipation des Einzelnen entwickelt wurden, birgt jedoch auch diese Form der Beteiligung Vor- und Nachteile.

„Eine Inflation Runder Tische ist nicht zwangsweise ein Gradmesser für mehr Demokratie. Im Gegenteil kann das Gefühl der Ohnmacht in Beteiligungsprozessen zukünftige Beteiligung schwächen und dem Vertrauen in die politischen Institutionen schaden. Daher sollte auch der Runde Tisch auf das Fundament einer soliden Vorbereitung gestellt werden. Er ist weder ein Allheilmittel noch ist die Organisationsform selbst ein Garant für einen Erfolg. Bewusst eingesetzt und im Sinn der beschriebenen Anforderungen gestaltet, bietet er die Chance, die Qualität kommunaler Entscheidungen zu steigern sowie soziales Kapital in einer Kommune aufzubauen und zu nutzen. Konflikte können durch die Stärkung einer Kultur des Dialogs besser reguliert und in manchen Fällen auch vermieden werden. Der Runde Tisch ist damit, ganz im Sinn des eingangs erläuterten Bildes, ein Ort der Begegnung und der direkten Kommunikation. Auf dem Weg in die viel beschworene Bürgergesellschaft ist er damit ein Möbelstück mit Zukunft.“

www.buergergesellschaft.de/politische-teilhabe/modelle-und-methoden-der-buergerbeteiligung/konflikte-bearbeiten-standpunkte-integrieren/runder-tisch/runder-tisch/106273/

© Initiative mensadebatte, Gilbert Weise
Mensadebatten-Mitstreiter vor der Mensa, die 2011 in das Denkmalbuch der Stadt Weimar eingetragen wurde

Nur ein Mitspracherecht für eine kleine Gruppe "Vorgebildeter" einzuräumen schließt von vornherein die große Mehrzahl an Interessierten aus. Dies bedeutet, dass das vorausgesetzte öffentliche Interesse am Erhalt von Denkmalen nicht konsequent zur Grundlage von Entscheidungen gemacht wird. Beispiele wie Stuttgart21, wo "das öffentliche Interesse am uneingeschränkten Erhalt des Bonatzgebäudes hier hinter dem öffentlichen Interesse an der Verwirklichung des geplanten Vorhabens zurücktreten" musste, zeigen allerdings, dass nicht so einfach mit dem Interesse der Öffentlichkeit zu argumentieren ist.

Befürchtet wird ferner, dass die Übertragung von Entscheidungsbefugnissen an fachlich nicht ausgebildete Bürger, deren Urteil subjektiv und wohl auch emotional ausfallen würde, zu einem Qualitätsverlust innerhalb der Denkmallandschaft führen bzw. die Aufnahme von denkmalfähigen Bauten, deren Werte nur mit dem entsprechenden Hintergrundwissen erkennbar sind, erschweren könnte.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass die allgemeine Bürgerbeteiligung bei fachlichen Fragen, also wenn es um denkmalpflegerische Detailentscheidungen geht, angewandt wird. Wenn es jedoch um allgemeine Vorhaben der Stadt geht, bei denen auch Denkmäler betroffen sind, dann sehe ich hier keine Hindernisse.“

Konrad Berger, Amtsleiter Planen und Bauen der Stadt Metzingen (2012)

Wo ist hier also eine Grenze zwischen Beteiligung und Nicht-Beteiligung zu ziehen? Wie ist zu erreichen, dass das Mitreden von Bürgern nicht zu willkürlichen Entscheidungen führt, jedoch auch keine Meinung ungehört bleibt? Wie kann die Voraussetzung, dass das "öffentliche Interesse" am Erhalt eines Baudenkmals gegeben ist, mit Substanz unterfüttert werden, ohne dass fachliche Aspekte verloren gehen? Wie können Bürger "ihr Interesse" an einem Baudenkmal äußern, so dass auch eine öffentliche Akzeptanz von Entscheidungen und Maßnahmen entsteht, die gleichzeitig zu einer Wertschätzung der Denkmalpflege und ihrer Belange beiträgt?

Während Themen des Natur- und Umweltschutzes bereits seit langem eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung erfahren, ist es um die Wahrnehmung und Akzeptanz der Denkmalpflege in der Öffentlichkeit eher schlecht bestellt:

„Im Gegensatz dazu arbeiten die Naturschutzbewegungen unserer Zeit hemmungslos und erfolgreich mit Gefühlswerten, wenn es um die Forderungen nach dem Erhalt von Natur und Umwelt geht. Das Gefühl des Verlustes ist ja genau der von Riegl definierte Gefühlswert, der einen auch bei der Zerstörung eines Baudenkmals ergreift. […] Die Motivation für den Naturschutz beruht bei den meisten Menschen nicht auf der wissenschaftlichen Arbeit der einschlägigen Institute und Behörden, sondern auf subjektiven Erfahrungen und Gefühlen, die sich so systematisch in das allgemeine Bewusstsein verwurzelt haben, dass heute die meisten Politiker den Anliegen des Naturschutzes mehr Aufmerksamkeit widmen als denen des Denkmalschutzes.“

Hubel, Achim: Der „Generalkonservator“ Alois Riegl. Verdichtung des Denkmalbegriffs durch die Erfahrungen in der Praxis. In: Fink, Alexandra; Hartleitner-Wenig, Christiane; Reiche, Jens (Hrsg.): Achim Hubel: Kunstgeschichte und Denkmalpflege. Ausgewählte Aufsätze, Festgabe zum 60. Geburtstag. Petersberg 2005. S. 217–230, S. 229 f.

Die wichtigste Voraussetzung für eine Zusammenarbeit zwischen Fachleuten und Laien wäre es, letzteren die komplexen Strukturen denkmalpflegerischen Handelns sowie denkmalpflegerische Bewertungskriterien näher zu bringen und auf verständliche Art und Weise zu vermitteln. Nahezu in allen Protesten gegen Denkmalschutz und dessen Auflagen schwingt der Vorwurf des "Fachchinesisch" mit. Wahrgenommen wird eine unsichtbare Barriere zwischen Fachleuten und Laien, die Austausch verhindert – und das Festhalten daran als "hoheitliches Gebaren der Denkmalpflege" interpretiert. Ein Gefühl des Dazugehörens kommt so erst gar nicht auf. Auf der Grundlage von Emotionen, der Wieder-Sichtbarmachung der Gefühlswerte eines Denkmals, d.h. vor allem auf Basis einer intensiveren, nicht allein kognitiven sondern auch emotionalen Werten gehorchenden Vermittlung von Grundsätzen denkmalpflegerischen Handelns könnte jedoch auch eine breitere Bevölkerungsschicht an Entscheidungen beteiligt werden.

 

Constanze Moneke

November 2012

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