DenkmalDebatten

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Der (ungeliebte?) Geist der jungen Republik

Die Beethovenhalle Bonn

Nicht erst seit der Finanzkrise konkurrieren die Kommunen um das Engagement von Investoren für den oft unterfinanzierten Bereich der Kultur und hoffen insgeheim auf den sogenannten Bilbao-Effekt. Der Beethoven-Stadt Bonn stellten die Bonner DAX-Unternehmen Post, Telekom und Postbank einen spektakulären Festspielhaus-Neubau als "Geschenk" zum 250. Geburtstag des berühmten Sohnes der Stadt in Aussicht. Dafür sollte die Ende der 1950er Jahre errichtete und seit 1990 denkmalgeschützte Beethovenhalle weichen. Gegen den Abriss des geschichtsträchtigen Baus wehrten sich viele Bürgerinnen und Bürger, dann wurde das Projekt "Festspielhaus" – ohne dass die Debatte entschieden worden wäre – aus finanziellen Gründen auf Eis gelegt. Wie in Bonn standen und stehen auch in anderen Städten vermehrt Denkmale der Nachkriegszeit zur Disposition, um durch aufsehenerregende Neubauten ersetzt zu werden.

Die 1957–59 erbaute Beethovenhalle ist die dritte, die den Namen des großen Sohnes Bonns trägt. Die erste wurde 1845 neben der Franziskanerkirche errichtet und aus Gründen des Brandschutzes kurz darauf wieder abgebrochen. Zur Feier des 100. Geburtstages Beethovens entstand an der Brückenstraße – heute Berliner Freiheit – die zweite Halle. Sie war mit Plätzen für 1.500 Besucher wie ihre Nachfolgerin ein Multifunktionsbau, 1944 wurde sie durch Bomben zerstört. Obwohl die Schaffung von Wohnraum Priorität hatte, diskutierte man bereits kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs den Neubau eines Festhauses. Die Finanzierung wurde damals unter anderem durch Benefizkonzerte internationaler Künstler ermöglicht. Vor allem waren es aber die Bonner Bürger, die in den wirtschaftlich schwierigen Nachkriegszeiten eine Million Mark bereit stellten.

Bundespräsident Theodor Heuss legte am 16. März 1956 den Grundstein für die neue Beethovenhalle. Vorausgegangen war ein Architektenwettbewerb, an dem sich 109 Büros beteiligt hatten. Als Baugrund war ihnen das Gelände der kriegszerstörten ehemaligen Universitäts-Frauenklinik am Rhein zugewiesen worden, denn wegen der Neuordnung des Straßenverkehrs konnte die Beethovenhalle nicht an derselben Stelle wie ihre Vorgängerin errichtet werden. Die Jury, der die Architekten Paul Bonatz und Otto Bartning angehörten, kürte den 29-jährigen Siegfried Wolske – einen Schüler Hans Scharouns – zum Gewinner. Sein Bau wurde zu einem Wahrzeichen der Stadt.

„Unmittelbar am Rhein an der Nordkante des historischen Stadtleibes platziert, genießt sie [die Beethovenhalle] dank ihrer freien und exponierten Lage eine Vielansichtigkeit, die sie wie eine monumentale Freiplastik erscheinen lässt.“+

Landeskonservator Udo Mainzer in: Die Denkmalpflege 1/2009

Im Zentrum des Komplexes, bei dem die edelsten Werkstoffe – Granite aus Schweden, Marmor aus Italien, Teakholz aus Burma – verbaut wurden, liegt der 36 Meter breite und 49 Meter tiefe Saal, der von einer Kuppel bekrönt wird. Er fasst bis zu 1.980 Besucher und ist variabel zu bestuhlen. Außerdem entstand ein Studio mit rund 500 und ein Kammermusiksaal mit 240 Plätzen sowie ein Vortragssaal, der Mitte der 1990er Jahre um drei Seminarräume erweitert wurde. Die Besucher betreten das Gebäude von der flussabgewandten Seite. Ein länglicher Flachbau nimmt Kassenhalle und Garderobe auf. Durch eine Glastür gelangt man in das Hauptfoyer, von dem aus sich der Große Saal und kleinere Foyers erschließen.

„Die Beethovenhalle als Repräsentationsbau und Konzertsaal erfuhr vonseiten der Fachpresse einhellige Anerkennung, vor allem als Prestigezuwachs für die Stadt Bonn.“ +

Emil Platen: Das Städtische Orchester Bonn in den Jugendjahren der Bundesrepublik

Die Beethovenhalle blieb Siegfried Wolskes wichtigstes Werk; der Architekt gilt heute als bedeutender Vertreter des "organischen Bauens". Auch aus diesem Grund wurde die Beethovenhalle 1990 unter Denkmalschutz gestellt, darüber hinaus wegen der Rolle, die sie im gesellschaftlichen Leben Bonns spielt – als Konzerthaus und gleichsam als Haus der Bürger, die dort Bälle, Karnevalssitzungen und vielfältige weitere Veranstaltungen besuchen. Ein wichtiger Aspekt für die Unterschutzstellung war zudem die Tatsache, dass in der Halle vier Bundesversammlungen stattfanden, bei denen die Bundespräsidenten Walter Scheel, Karl Carstens und Richard von Weizsäcker – zweimal, 1984 und 1989 – gewählt wurden.

Zusammen mit dem Architekten hatte die Bonner Firma Klais für den Hauptsaal der Beethovenhalle eine Orgel mit 5.258 Pfeifen und 67 Registern auf vier Manualen entwickelt – die beste, aber auch die teuerste in der ganzen Bundesrepublik. Wegen der hervorragenden Akustik gastierten die größten Orchester der Welt in der Beethovenhalle, doch gut 50 Jahre nach der Errichtung wurde der Raumklang des großen Saales als Argument für den Abriss bemüht. Der Dirigent Kurt Masur sprach im März 2010 von einer trockenen Akustik, die nicht verbesserbar sei, auch hätten Orchester und Chor keinen ausreichenden Platz auf der Bühne.

„Bonn kann darauf stolz sein, dass hier der erste Konzertsaal nach dem Krieg gebaut wurde, Bonn kann nicht mehr stolz sein, den Bau so zu belassen, dass er den Ansprüchen unserer Zeit nicht mehr genügt.“+

Aus einem Gespräch mit Kurt Masur im General-Anzeiger

Dem widerspricht Heribert Beissel, Gründer und Leiter des Orchesters "Klassische Philharmonie Bonn".

„Andere Säle wie z.B. der Gasteig in München haben größere akustische Mängel vorzuweisen als die Bonner Beethovenhalle.“+

Heribert Beissel in einem Brief an den Bonner General-Anzeiger

Es liegt auf der Hand, dass öffentliche Gebäude von Zeit zu Zeit aktuellen technischen und energetischen Bedürfnissen sowie den Brandschutz-Vorschriften angepasst werden müssen. Anstatt sie zu modernisieren, geht der Trend im Augenblick jedoch in Richtung Abbruch zugunsten eines schicken Neubaus – so etwa auch im Fall des Plenarsaales des niedersächsischen Landtages in Hannover (1957–62 von Dieter Oesterlen) oder des Kölner Opernquartiers (1954–62 von Wilhelm Riphahn).

„Oft sind es die Vertreter der Öffentlichkeit, die Parlamente, die sich freizügig über das prinzipielle Erhaltungsgebot ihrer Denkmalschutzgesetze hinwegsetzen. [...] Die vernachlässigten Nachkriegsbauten denkmalgerecht zu reparieren, halten die Repräsentanten für nicht finanzierbar. Aber die Millionensummen für den Neubau werden als Konjunktur- und Imageprogramm schöngeredet.“+

Ira Mazzoni in der Süddeutschen Zeitung im Februar 2010

Die Bedeutung der nach dem Zweiten Weltkrieg errichteten Architektur wird von vielen, vor allem von den politisch Verantwortlichen, nicht wahrgenommen. Für sie scheint die Unterschutzstellung der Denkmale in ihrem Eigentum oft nicht relevant zu sein, obwohl sie selbst es sind, die Denkmaleigentümer auf Denkmalschutzvorgaben verpflichten. Erst nach Protesten aus der Bevölkerung und aus wirtschaftlichen Gründen werden Prestige-Projekte aufgegeben – nicht aus Gründen des Denkmalschutzes.

„Bedeutende Bauwerke wie der Kölner Dom und St. Peter in Rom wären dort nie entstanden, wenn man nicht die schönen Vorgängerkirchen geopfert hätte.“+

Sigurd Trommer im Wirtschaftsmagazin der IHK Bonn/Rhein-Sieg im April 2010

Bei der Frage, ob die Bonner Beethovenhalle saniert oder abgerissen werden soll, geht ein Riss durch die Bevölkerung. Während für die einen nicht nachvollziehbar ist, wie die Stadt Bonn das Geschenk der Unternehmen nicht annehmen kann, heben andere die Bedeutung der Halle hervor.

„Nicht nur Menschen, auch Gebäude haben eine Würde, die dadurch entsteht, dass sie mit Liebe und Sachverstand geplant und gebaut worden sind, und dass viele Menschen mit diesen Gebäuden glückhafte Momente ihres Lebens verbinden. Beides trifft in besonderer Weise auf die Beethovenhalle zu. Dieser Eigenschaft, sei es aus kommerziellen oder anderen Gründen, mit Zerstörungswünschen zu begegnen, zeigt einen Mangel an Respekt vor der Würde von zu Recht denkmalgeschützten Bauwerken wie einen Mangel an Respekt vor den Gefühlen der Menschen, die sich mit jenen identifizieren.“

Hans Hinterkeuser, Sprecher der Bürgerinitiative ProBeethovenhalle, im April 2010

Welchen Rang die Beethovenhalle bei der Stadtspitze und den Bürgern noch 1984 einnahm, zeigten die ausgedehnten Feierlichkeiten zu ihrem 25-jährigen Jubiläum. Der damalige Oberbürgermeister Dr. Hans Daniels lud 5.000 Bonner zu einem Bürgerempfang ein, es gab einen großen Bürgerball und ein Jubiläumskonzert. 2009 wurde die Beethovenhalle fünfzig Jahre alt, doch eine Feier lehnte die Bonner Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann ab.

„Für das neu zu errichtende Festspielhaus am Standort der Beethovenhalle [sind] ausschließlich Architekturentwürfe in die engere Wahl genommen worden, die einen Neubau vorsehen, nur sie gewährleisten die erforderliche hervorragende akustische Qualität. Vor diesem Hintergrund sieht die Verwaltung davon ab, das 50jährige Jubiläum der Beethovenhalle am 7./8. 9. 2009 mit Veranstaltungen zu begehen.“+

Die Oberbürgermeisterin in einer Stellungnahme der Verwaltung vom 20.5.2009

Der fünfzigste Geburtstag der Beethovenhalle wurde dennoch gefeiert: Studierende des Kunsthistorischen Instituts an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn veranstalteten ihr zu Ehren eine Ausstellung und ein hochkarätig besetztes Kolloquium.

„Seit 1990 steht die Beethovenhalle aus gutem Grund unter Denkmalschutz. Bereits sehr früh erkannte man, welch wichtiges Zeugnis ihre Architektur für die Folgegenerationen darstellt und in welchem architekturgeschichtlichen Zusammenhang die Halle zu sehen ist. Wir übernehmen nun die Aufgabe, die Gebäude, die unsere Großeltern errichtet haben, vor unseren Eltern zu schützen.“

"Nicht Prunk ist ihr Programm. Bonner Studenten der Kunstgeschichte setzen sich für die Beethovenhalle ein", in: General-Anzeiger, 17./18. April 2010

In der überregionalen Presse stieß die geplante Zerstörung des Baudenkmals auf Unverständnis:

„Ein 'Festspielhaus' mag – ein durchdachtes Nutzungskonzept vorausgesetzt – Bonn bereichern. Ein Abriss der Beethovenhalle zu seinen Gunsten aber wäre ein barbarischer Akt. Auch die Kölner haben den Gürzenich nicht abgerissen, als sie ihre Philharmonie erbauten.“+

Michael Gassmann: Ein barbarischer Akt, in: FAZ.NET, 15. Februar 2009

Die Entscheidung des Bonner Oberbürgermeisters Jürgen Nimptsch und der drei Sponsoren, das Festspielhaus vorerst nicht zu realisieren, bewahrte die Beethovenhalle vor dem Abriss. Dabei spielte die Erhaltung des Baudenkmals keine Rolle; es ging lediglich um die prekäre wirtschaftliche Situation der Stadt, die sich das ambitionierte Projekt eines neuen Konzerthauses nicht leisten kann. Im November 2011 dann gab der Stadtrat grünes Licht für den Bau des Festspielhauses an einem neuen Standort. Die Finanzierung des Prestige-Projekts, das bis zum Beethoven-Jubiläumsjahr 2020 fertiggestellt sein soll, ist allerdings nach wie vor ungeklärt. Die weiterhin sanierungsbedürftige Beethovenhalle soll laut Ratsbeschluss als multifunktionaler Standort weiterbetrieben werden.

 

Carola Nathan

Literatur

  • Martin Bredenbeck, Constanze Moneke, Martin Neubacher (Hg.): Beethovenhalle Bonn. Konzerthaus. Festsaal. Denkmal. Weidle Verlag, Bonn 2010
 
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