DenkmalDebatten

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Denkmalpflege und Klassifizierung

In der einen oder anderen Weise dreht sich jedwedes grundsätzliche Nachdenken über Denkmalpflege immer auch um Werte und Bewertungen, mithin um die fachlichen Kriterien für eine Unterscheidung zwischen Denkmalen und Nicht-Denkmalen. Eine darüber hinausgehende Form der Hierarchisierung des Kulturerbes hat die deutsche Denkmalpflege seit jeher abgelehnt und sich mit ihrem Plädoyer für die Gleichheit aller Denkmale von der andersgearteten Praxis der europäischen Nachbarländer England, Frankreich oder Österreich abgegrenzt. Dennoch steht das Thema der Klassifizierung mit schöner Regelmäßigkeit auch auf ihrer Tagesordnung – aktuell etwa im Kontext der Welterbe-Debatte, als mögliche Konsequenz aus demografischem Wandel und finanziellen Engpässen oder als Begleiterscheinung von Kommerzialisierungsprozessen. Bewirkt der Verzicht auf eine gesetzliche Fixierung von Kategorisierungen in Deutschland wirklich eine Gleichheit aller Denkmale? Und wenn ja, wird das in der Öffentlichkeit auch so wahrgenommen? Oder hat unsere Ranking-fixierte Gesellschaft schon längst Realitäten geschaffen, die angestammte konservatorische Grundsätze infrage stellen – eine veritable, indes ungeliebte Denkmaldebatte.

Seit den Tagen von Karl Friedrich Schinkels berühmtem "Memorandum für Denkmalpflege" (1815) steht die deutsche Denkmalpflege im Zeichen der Gleichheit aller Denkmale und einer ausgeprägten Skepsis gegenüber einer wert- und bedeutungsmäßigen Unterscheidung, wie sie sich in Form einer Denkmalklassifizierung seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert in Frankreich und später auch in anderen europäischen Ländern durchgesetzt hat. Als Staatsschatz, trésor intellectuel de la France, galten jenseits des Rheins vor allem die monuments classés, die für national bedeutsam erachteten und bereits 1840 listenmäßig erfassten historischen Bauwerke, die in den Genuss staatlicher Förderung gelangten. Weitgehend auf sich gestellt blieben hingegen sämtliche nicht klassierten Bauwerke, die lediglich vor Zerstörung bewahrt werden sollten. Diese 1887 gesetzlich fixierte Erfassungspraxis basiert auf den vielfältigen Bemühungen der französischen Revolutionszeit, das kulturelle Erbe nicht nur neu zu definieren, es vielmehr auch in Analogie zu den Naturwissenschaften zu systematisieren und zu hierarchisieren. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verzeichnete das Kunstland Frankreich allerdings gerade einmal 2.000 klassierte Denkmale. Schon deshalb sahen deutsche Denkmalpfleger in einer Hierarchisierung des Erbes keine Gewähr für einen Denkmalschutz, der den Erhalt kultureller Zeugnisfähigkeit zum Ziel hat. So äußerte sich der Frankreich-Kenner Paul Clemen im Jahr 1898 denn auch kritisch über diese "Errungenschaft" der von ihm in Vielem für vorbildlich erachteten französischen Denkmalpflege.

"[...] die Unterschiede zwischen einer noch in der letzten Rangstufe zum geschichtlichen Denkmale erklärten Kirche und einer anderen nahe verwandten, die dies Vorrecht nicht genießt, können verschwindend klein sein: auf diesen zweiten Bau erstreckt sich nun aber der durch das Gesetz gewährleistete Schutz nicht. Auf diese Bauwerke finden nur die allgemeinen baupolizeilichen Bestimmungen Anwendung. Es liegt darin eine gewisse Ungerechtigkeit.“+

Paul Clemen: Die Denkmalpflege in Frankreich, in: Zeitschrift für Bauwesen 1898

Ähnlich argumentierte der namhafte Dresdner Kunsthistoriker und Denkmalpfleger Cornelius Gurlitt:

„Das classément der Denkmäler führte dahin, daß ein starker Unterschied in der Pflege derjenigen entstand, die damit unter Staatsschutz gestellt wurden, und denjenigen, die dieses Schutzes entbehrten. Meine Reisen in Frankreich lehrten mich, daß dieses Unterscheiden für den Stand der Denkmalpflege überaus nachteilig sei.“+

Cornelius Gurlitt: Der Schutz der Kunstdenkmäler im Krieg, Berlin 1916

Eigentlich war es weniger die Kategorisierung des Erbes als vielmehr eine restriktive Denkmalausweisung in Frankreich, die Clemen und Gurlitt beanstandeten, denn das classement blieb während des gesamten 19. Jahrhunderts – allen Systematisierungsanstrengungen zum Trotz – de facto beschränkt auf die "Ausweisung einer einzigen Klasse, der des zu schützenden Denkmals" (Matthias Noell). Im Unterschied zu Frankreich sah die deutsche Diskussion in der fraglichen Zeit von einer Unterscheidung der Denkmale hinsichtlich ihrer Werte und Bedeutungen ab und konzentrierte sich vielmehr auf Differenzierungen in der Konservierungspraxis. Diesbezüglich hatte der wegen der Rettung der Grande Place in Denkmalkreisen hoch angesehene Brüsseler Bürgermeister Charles Buls eine Unterscheidung in tote und lebende Denkmale (monuments morts et monuments vivantes) und damit Überlegungen des Architekten Louis Cloquet aus den frühen 1890er Jahren in die deutsche Diskussion eingeführt. Die beiden Belgier propagierten eine strenge Konservierung für musealisierte, aus der Nutzung herausgefallene Denkmale, jedoch einen gestalterisch freieren Umgang mit Bauwerken, die sich noch in Nutzung befinden und den Bedürfnissen der Gegenwart gerecht werden müssen.

„Une considération domine ici les droits et l’utilité de l’édifices, sa destination. Celui-ci a une vie actuelle et doit s’adapter à son usage, sauf le respect du à sa beauté; il faut qu’il dure, mais il faut aussi qu’il serve.“+

Louis Cloquet: La restauration des monuments anciens, 1901 [übersetzter Wortlaut: „Eine Überlegung dominiert hier die Rechte und die Nützlichkeit der Gebäude, ihren Verwendungszweck. Das (lebende Denkmal) hat ein gegenwärtiges Leben und muss sich seiner Nutzung anpassen, bei allem Respekt vor seiner Schönheit; es ist notwendig, dass es überdauert, aber es ist ebenso notwendig, dass es gebraucht werden kann.“]

Die deutschen Denkmalpfleger der ersten Tage für Denkmalpflege – Paul Clemen ebenso wie Konrad Lange oder Adolph von Oechelhaeuser – haben diese Überlegungen positiv aufgegriffen und damit indirekt die Wirksamkeit von Georg Dehios Credo "Konservieren, nicht restaurieren" auf einen kleinen Kreis von musealisierten Denkmalen eingeschränkt sehen wollen – auch dies indes, ohne diese Unterscheidung als Einfallstor einer Denkmalklassifizierung verstehen zu wollen. Als solche, als "classification", hatte Cloquet seine Überlegungen 1893 allerdings ausdrücklich vorgestellt und als Klassifizierung ("two classes") hat sie die Resolution "The preservation and restoration of architectural monuments" des 6. Internationalen Architektenkongresses in Madrid 1904 auch bekräftigt. Folgerichtig interpretierte der österreichische Generalkonservator Alois Riegl seinen unausgesprochenen Rekurs auf Buls und Cloquet denn auch als "Klassifizierung", wie er sie in einem zukünftigen österreichischen Denkmalschutzgesetz verankert sehen wollte. Dabei machte er die Privilegierung sogenannter "Ausnahmedenkmale" – anders als in Frankreich – aber nicht an etwaigen nationalen Bedeutungen fest.

„Der Klassierung werden hienach im allgemeinen solche Denkmale zu unterliegen haben, die 1. durch außerordentlichen Reichtum und ungewöhnliche Mannigfaltigkeit ihrer Erscheinung einen besonders extensiven Alterswert genießen, 2. innerhalb der Entwicklungsgeschichte eines hervorragenden menschlichen Tätigkeitsgebietes […] eine Stufe markieren, die sonst in der Welt oder doch wenigstens in Österreich kein zweites Denkmal in ähnlicher Vollkommenheit aufweist; 3. namhafte patriotische Bedeutung mit Bezug auf die Gesamtmonarchie oder die Dynastie besitzen.“+

Alois Riegl: Bestimmungen zur Durchführung des Denkmalschutzgesetzes, 1903

Im Zuge des Ersten Weltkriegs sollte die "Klassifizierungsdebatte" dann eine für das gesamte 20. Jahrhundert folgenreiche Richtungsänderung erfahren. Im Kontext einer "Kriegstagung für Denkmalpflege" in Brüssel diskutierten führende deutschsprachige Konservatoren im August 1915 erstmals über die Notwendigkeit von völkerrechtlichen Vereinbarungen zum Kunst- und Denkmalschutz. Der moderne Luftkrieg – so Paul Clemen, Cornelius Gurlitt, Friedrich Vetter und Ernst Zitelmann übereinstimmend – habe die Unzulänglichkeit der Haager Landkriegsordnung von 1907 unter Beweis gestellt. Notwendig seien weiterreichende, in Friedenszeiten zu vereinbarende und international anzuerkennende Kunstschutzmaßnahmen für die jeweiligen "Hauptdenkmale" der Nationen, die – so Clemen und Gurlitt übereinstimmend – nicht ihnen allein, sondern der "ganzen Menschheit" gehörten. Auf einer eigens anzulegenden Liste wollte der Berner Kunsthistoriker Ferdinand Vetter neben den Kirchen und Plätzen Veronas und Ravennas unter anderem das Heidelberger Schloss, den Parthenon oder die Hagia Sophia verortet sehen. Die Schwierigkeit der Auswahl war den Protagonisten indes bewußt.

„Es fragt sich nur, welche Werke von Menschenhand als Denkmäler im Kriegsfalle zu betrachten sind. Die Auswahl ist sehr schwierig. Denn eine große Zahl von Denkmälern hemmt, sobald sie geschützt werden sollen – die Verteidigung ebenso wie den Angriff. Es wird der Kunstfreund, der sich auch an der freundlichen Wirkung anmutiger Städtebilder erfreut, mit dem Soldaten in Widerspruch kommen, den er in seiner Bewegungsfreiheit allzusehr einzuschränken droht. […] Es müßten die Nationen einen Gesamtkodex aufstellen, der auch kunstgeschichtlichen Zwecken dienen könnte, der aber auch von militärischer Seite zu bearbeiten wäre, da der Denkmalschutz nicht zu einer Schädigung der Landesverteidigung auswachsen darf.“

Cornelius Gurlitt: Der Krieg und die Denkmalpflege, in: Kriegstagung für Denkmalpflege, Brüssel, 28.–29. August 1915; stenographischer Bericht, Berlin o.J., S. 59–65, S. 63

Die im Kriegsfall als unumgänglich angesehene Sonderstellung der sog. Hauptdenkmale – "einige ganz wenige hervorragende Monumente" in den Worten Paul Clemens – betrachteten die deutschen Denkmalpfleger keineswegs als Absage an die Gleichheit aller Denkmale, vielmehr als Antwort auf die Unzulänglichkeit umfassenden Kunstschutzes in militärischen Auseinandersetzungen. Als höchste "Instanz" sollte deshalb das Völkerrecht entsprechende Garantien festschreiben. Unter den so geänderten Voraussetzungen erhielt die deutsche Klassifizierungsdebatte einen über die Profilierung gegenüber der französischen Denkmalpflege hinausgehenden neuen internationalen Fokus.

Die Vereinbarungen der Charta von Athen (1931) formulierten den Wunsch, dass jeder Staat oder die zu diesem Zweck gegründeten oder in der Sache als kompetent geltenden Institutionen ein Inventar der nationalen Denkmäler mit Fotos und Erläuterungen veröffentliche. Von einer Klassifizierung war dabei – trotz der Erfahrungen des Ersten Weltkriegs – keine Rede. Dagegen verlangten die Regelungen der Haager Konvention (1954) eine strenge Auswahl und Deklarierung der zu schützenden Denkmäler; die Kultusministerkonferenz der Länder hat 1998 ihre Höchstzahl für Deutschland auf 10.480 Baudenkmale festgelegt. Die schlimmen Kriegszerstörungen und die Forderungen der Haager Konvention zu einer ausdrücklichen Kennzeichnung des schützenswerten Kulturguts sensibilisierten letztlich die UNESCO, die dafür 1972 das "Internationale Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt" (Welterbekonvention) verabschiedete. Seit deren Inkrafttreten 1976 hat sich diese Liste bis zum Jahr 2013 nicht nur auf die stolze Zahl von 981 Natur- und Kulturdenkmalen in 160 Ländern ausgedehnt, das Attribut des außerordentlichen kulturellen Werts (outstanding universal value) kennzeichnet seither auch das sogenannte Weltdokumentenerbe (Memory of the World) sowie seit 2003 auch immaterielles und digitales Erbe. Abzusehen ist, dass sich die Vervielfältigungsprozesse des Kulturerbes fortsetzen. Nimmt man das vergleichsweise neue Europäische Kulturerbesiegel hinzu und die ohnehin vorhandene Scheidung der Denkmale nach etwaigen nationalen oder regionalen Bedeutungsräumen, so drängt sich die Frage auf, ob der Trend zum Labelling der zumindest in Deutschland bis dato abgelehnten Klassifizierung nicht doch schon längst die Türen geöffnet hat.

„Es hat ein bedenklicher Wertewandel stattgefunden: die Welterbestätten werden mittlerweile maßlos überschätzt […]. Dies ist vor allem deshalb ärgerlich, weil sie […] gar nicht alle das Kriterium der Einzigartigkeit erfüllen und auch nicht erfüllen müssen.“+

Achim Hubel: Welterbe – Wertewandel, 2010

Gegenüber der von Hubel konstatierten de facto-Klassifizierung der Denkmale, was ihre öffentliche Aufmerksamkeit und Förderung betrifft, betont Gerd Weiß die de jure fortdauernde Kontinuität der Gleichbewertung und Gleichbehandlung aller Denkmale durch die deutsche Denkmalpflege:

„Die Zahl der Weltkulturebestätten zum Beispiel in Deutschland ist mit 35 so verschwindend gering im Verhältnis zur Zahl der circa 800.000 eingetragenen Kulturdenkmäler, dass an eine eigne Klasse im Sinne einer eigenen denkmalrechtlichen Behandlung nicht ernsthaft gedacht werden kann.“+

Gerd Weiß: Das Kulturerbe auf dem Weg in die Klassengesellschaft?, 2013

Nach wie vor werden in Deutschland jedwede Unterscheidungen von Denkmalen nicht auf der Ebene des Denkmalrechts und der Denkmalwerte angesiedelt, sondern durch die Auflagenpraxis geregelt – dies wiederum durchaus unter Anerkennung vorhandener und verifizierter Wert- und Bedeutungsunterschiede. Dieser latente Widerspruch von Recht und Praxis erschwert die Vermittlung und öffentliche Wahrnehmung von Denkmalpflege und tendiert dazu, das von Hubel bezeichnete Dilemma zu verfestigen.

„Rankings werden gebildet, um die knappen Fördergelder zu verteilen, einzelnen Denkmalen wird 'nationale Bedeutung' attestiert, um Bundeszuschüsse erhalten zu können. Im Alltag wird sehr wohl von erst- oder drittklassigen Denkmalen gesprochen. Denkmalpfleger sollten zur Tatsache des Kategorisierens stehen.“+

Ulrike Wendland: Mörsch 1981 reloaded, 2005

Im Kontext von Globalisierung und fortschreitender Kommerzialisierung hat die Klassifizierungsdebatte nach 1990 neue gesellschaftliche Brisanz erhalten. Motor dafür war erneut die kulturelle resp. kulturpolitische Praxis, bestimmen Ranking und Wettbewerb die Kultur seither doch in einem zuvor ungeahnten Ausmaß. Nicht nur müssen sich Denkmale in immer stärkerem Maße rechnen, sie sind auch durch Vergleiche und Beliebtheitsskalen einer permanenten Evaluierung ausgesetzt. Anstelle der um 1900 vorausgesetzten "Pietät" gegenüber dem historischen Zeugnis drängen aktuell "Gebrauchswerte" resp. Verwertungsinteressen in den Vordergrund. Dem Spektakel des Ältesten, Größten, Teuersten ist das von Clemen und Gurlitt noch vorausgesetzte Einvernehmen über Denkmalbegriff und Denkmalwerte tendenziell zum Opfer gefallen. Indirekt reflektiert dieser Prozess die zunehmende Pluralisierung des kulturellen Erbes in den vergangenen Jahrzehnten. Inzwischen entziehen sich viele subjektiv konnotierte Erbebereiche einer fachlichen Bewertung nahezu zur Gänze, streben eine solche aber auch gar nicht an. Jegliche Unterscheidung, ob die zwischen Denkmal und Nicht-Denkmal oder die zwischen Denkmalkategorien wird auf diese Weise tendenziell ad absurdum geführt. Das impliziert eine schleichende Erosion der Denkmalwerte, die aktuell durch den Rückzug des Staates hinter das, was er selbst für die Denkmalpflege als "öffentliches Interesse" gesetzlich verankert hat, noch verstärkt wird.

„Der Staat hat das Recht zu entscheiden, wo er seine finanziellen und personellen Ressourcen konzentriert. Wenn zwischen dem gesetzlichen Aufgabenbereich und der Personal- und Mittelausstattung ein Missverhältnis entstanden ist, dann kann das heißen, dass der Aufgabenbereich neu abgegrenzt wird. […] Das Totschweigen des Problems nützt nichts. Damit erreicht man nur, dass fachfremde Bürokraten neue gesetzliche Regelungen ausarbeiten, in denen sie, ohne die fachinterne Diskussion zu kennen, Elemente der Kategorisierung oder Klassifizierung festschreiben.“

Matthias Donath: Nur die Prachtstücke? Kategorisierung in der Denkmalpflege, in: www.kunsttexte.de 2/2005, S. 3

Eine Neufestsetzung denkmalpflegerischer Aufgabenbereiche wurde unter Einführung einer Klassifizierung – nach entsprechenden Erfahrungen mit der Kategorisierungspraxis der DDR – im Jahr 2010 im Zuge der schließlich erfolglosen Novellierung des sächsischen Denkmalschutzgesetzes angestrebt, und auch das schleswig-holsteinische Gesetz hat 2012 mit der Einführung eines Ministervorbehalts bei Unterschutzstellungen junger, potentiell unbequemer Denkmale de facto einer "Zwei-Klassen-Gesellschaft" von Denkmalen das Wort geredet. Diese Tendenzen sind nicht zuletzt im Kontext des politischen Bemühens um eine Reduzierung der Denkmallisten und – damit zusammenhängend – um eine Deckelung der Fördermittel zu betrachten. Als Vorbild mag dabei die Kategorisierungspraxis der europäischen Nachbarländer gedient haben, etwa die in den Niederlanden, Frankreich oder der Schweiz übliche Differenzierung des Erbes nach nationalen und regionalen bzw. lokalen Bedeutungen. Dabei halten sich die Schweizer Konservatoren durch die zusätzliche Unterscheidung zwischen geschützten und erhaltenswerten Zeugnissen "Entwicklungsspielräume" insbesondere für solche Bauten offen, die "von nicht überragendem Stellenwert" sind (Bernhard Furrer).

„Ich hoffe, dass die immense Kraft, die derzeit in offensichtlich zu viele Denkmale, in erkennbar aussichtslose Fälle, in erkennbar weniger bedeutende Substanz gesteckt wird, durch Kategorisierung auf sinnvollere Arbeitsfelder, auf die Kernaufgaben konzentriert werden kann. Die Konzentration der Mittel, verbunden mit einer Prüfung ihrer Wirksamkeit, ist überall sinnvoll und üblich. Warum sollte sie es in der Denkmalpflege nicht auch sein?“

Ulrich Kerkhoff: Überlegungen zur Kategorisierung. Vom Verbot zum Gebot, in: www.kunsttexte.de 2/2005, S. 4

Jenseits allfälliger finanzpolitischer Erwägungen kann auch die aktuell feststellbare Tendenz zur Delegation staatlicher Verantwortung an die Bürgergesellschaft eine differenzierende Wahrnehmung des Kulturerbes befördern. Das wird unter anderem aus dem im Jahr 2000 vorgelegten Gutachten von Dieter Hoffmann-Axthelm für die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen deutlich. In seinem Votum für eine "Priorisierung" von ästhetisch schönen Denkmalen, die die Bürger ansprechen und für deren Erhalt sie sich motivieren lassen, hat Hoffmann-Axthelm implizit jene Zeugnisse degradiert und der Schutzlosigkeit preisgegeben, die einem notwendigerweise zeitgebundenen Publikumsgeschmack nicht genügen.

„Es gibt von daher also nur den einen Erhaltungsgrund, dass es eine Mehrheit der Bürger sich nicht vorstellen kann, ein Bauwerk, das zu ihrer Stadt oder Region gehört, gehe für immer verloren. Hart gesagt, heißt das: was nicht geliebt, wird von ihnen nicht erhalten werden.“+

Dieter Hoffmann-Axthelm: Kann die Denkmalpflege entstaatlicht werden?, 2000

Im öffentlichen Diskurs hat Hoffmann-Axthelms Frage nach der Priorität der Denkmalwerte eine Taxierung von Denkmalen nach unbestimmt bleibenden, indes populären ästhetischen Gesichtspunkten befördert. Die fachliche Praxis geht mit einer solchen Erwartungshaltung keineswegs konform, dennoch sieht sie sich zunehmend zu einer wertenden Unterscheidung der Denkmale gezwungen. Dafür sind indes vorderhand nicht ästhetische, sondern primär finanzielle, aber auch demografische Entwicklungen verantwortlich. Letztere haben der historischen Diskussion über tote und lebende Denkmale eine erneute Aktualität beschert.

„Schrumpfung und Überalterung der Gesellschaft wirken sich schon jetzt, erst Recht aber in der Zukunft, erheblich auf den Umgang mit den Denkmalen aus. Leerstand und Verfall prägen einen – regional unterschiedlich großen – Anteil der ausgewiesenen Baudenkmale bzw. Denkmalbereiche. In den nächsten Jahren werden das Neu- oder Umnutzen und Instandsetzen von Baudenkmalen schwieriger sein als in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung […] So werden Prioritätensetzungen im Denkmalbestand und Differenzierungen beim Umgang mit Denkmalen notwendig. Vorrangiges Ziel muss sein, möglichst viele Denkmale in Nutzung zu belassen oder zu bringen und damit in ihrer substantiellen Existenz zu sichern. Folgerichtig müssen die bisher vertretenen denkmalfachlichen Standards daraufhin überprüft werden, ob sie diesem Ziel wirklich dienen – dies betrifft insbesondere Auflagen zur Gestaltung.“

Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt (Hg.): Denkmalschutzgesetz des Landes Sachsen-Anhalt. Standards der Bau- und Kunstdenkmalpflege in Sachsen-Anhalt, Halle 2008, S. 28

In ähnlicher Weise plädiert Maria Wenzel für eine Prioritätensetzung angesichts der zum Teil dramatischen Schrumpfungsprozesse in ländlichen und strukturschwachen Regionen und für differenzierende Maßnahmen im Umgang mit Denkmalen.

„Trotz einiger positiver Ansätze muss die Denkmalpflege angesichts der dramatischen Entwicklungen im ländlichen Bereich erkennen: Sie kann die Folgen des demographischen Wandels für die Kulturdenkmäler nicht auffangen. Das heißt deutlicher: die Kulturdenkmäler auf dem Lande lassen sich nicht flächendeckend erhalten. […] Eine weitere Möglichkeit der Denkmalpflege wäre die Beschränkung der rein denkmalfachlichen Arbeit auf bestimmte Denkmäler. Um welche Denkmäler kann oder soll man sich aber überhaupt noch kümmern? Nur noch die Älteren – zulasten der Jüngeren? Nur noch die Bedeutenden – zulasten des Einfachen und Typischen? […] Muss nicht vielmehr eine aktiv eingreifende und strategisch agierende Denkmalpflege entwickelt werden, die deutlicher Prioritäten setzt und ihre Schwerpunkte schärft?“

Maria Wenzel: Verödung auf dem Lande – Bankrotterklärung der Denkmalpflege?, 2014

De jure kennt die deutsche Denkmalpflege nach wie vor keine Klassifizierung. Die aktuelle Realität und auch die öffentliche Wahrnehmung zeichnen hingegen ein gegenteiliges Bild mit Welterbe, europäischem Kulturerbe, nationalbedeutsamen Denkmalen und dem verbleibenden großen Rest regional oder lokal bedeutender Denkmale in einer klaren hierarchischen Ordnung. Dem korrespondiert der Grad fachlicher und finanzieller Zuwendung ebenso wie die gesellschaftliche und kommerzielle Zuneigung. Dabei bleiben die Kriterien, nach denen differenziert, priorisiert oder kategorisiert wird, zumeist unklar – Grund genug, eine alte Debatte wieder aufzugreifen und mit neuen Argumenten zu beleben.

 

Ingrid Scheurmann

Februar 2014

  • Betthausen, Peter, u.a. (Hrsg.): Georg Dehio (1850-1932). 100 Jahre Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler, München/Berlin 2000 (vergriffen).
  • Betthausen, Peter: Georg Dehio. Ein deutscher Kunsthistoriker. München/Berlin 2004. -> www.kunstbuecher-online.de
  • Scheurmann, Ingrid (Hrsg.): ZeitSchichten. Erkennen und Erhalten - Denkmalpflege in Deutschland. 100 Jahre Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler von Georg Dehio. Ausstellungskatalog, München/Berlin 2005. -> www.kunstbuecher-online.de
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