DenkmalDebatten
© Ministère de la Culture de France, Médiathèque de l'architecture et du patrimoine, diffusion RMN

Eugène Viollet-le-Duc

Die Idee des Denkmals

Als Denkmalpfleger und Bauforscher hat Viollet-le-Duc weit über seine Lebzeiten hinaus die Fachdiskurse ebenso wie die denkmalpflegerische Praxis im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts beeinflusst. Diese enorme Bedeutung war nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass er eine grundlegende Option im Umgang mit historischen Baudenkmalen formuliert und auf hohem wissenschaftlichem Niveau praktiziert hat: die Rückführung des Denkmals auf seinen vermeintlichen Original- oder Ursprungszustand. Damit positionierte er sich im Gegensatz zu seinem Zeitgenossen und Widersacher John Ruskin, der – ähnlich grundsätzlich – den Wert eines historischen Bauwerks in der Fülle seiner materiellen Spuren erblickte und bereits das Konservieren als Abkehr von einem pietätvollen Umgang mit historischen Baudenkmalen und deshalb mit Vorbehalt betrachtete.

Anders als der Schriftsteller und Künstler Ruskin konzentrierte sich der Forscher Viollet-le-Duc weniger auf das Erscheinungsbild als auf die Strukturprinzipien eines Baudenkmals; auf diese Weise suchte er dessen Idee oder Ideal zu begreifen und restaurierend wieder ans Tageslicht zu fördern.

Reproduktion aus: Viollet-le-Duc, Dictionnaire, Bd. 2, S. 324
Viollets "Idealkathedrale" des 13. Jahrhunderts

„Der Begriff der Restaurierung und die Sache sind beide modern. Ein Gebäude restaurieren heißt nicht, es zu erhalten [entretenir], zu reparieren oder es wieder aufzubauen [réparer, refaire]; es bedeutet, es in einen Zustand der Vollkommenheit zurückzuführen, der möglicherweise zuvor nie existiert hat. [rétablir dans un état complet, qui peut n'avoir jamais existé]. [...] Wir haben gesagt, dass das Wort und die Sache modern sind, und tatsächlich hat in vergangenen Zeiten keine Kultur, kein Volk Restaurierungen unternommen, wie wir sie heute verstehen [...]“

Viollet-le-Duc 1865, in: ders.: Dictionnaire raisonné de l'architecture française du XIe au XIVe siècle, Paris 1854-68, Bd. VIII, 1985, S. 14

Diese Position sollte für Viollet-le-Ducs denkmalpflegerische Praxis seit den ausgehenden 1840er Jahren maßgebend werden. Zuvor hatte er sich bei seiner Restaurierung der Kathedrale St. Madeleine in Vézelay noch größere Zurückhaltung auferlegt.

„Führt eine Restaurierung neue Formen ein, dann kann sie eine Fülle von Spuren verschwinden lassen, deren Seltenheit und Alter das Interesse erhöhen. [...] Jede Zufügung, aus welcher Epoche auch immer, muss im Prinzip bewahrt, konsolidiert und in einem Stil restauriert werden, der ihr eigentümlich ist. Dies muss mit religiöser Zurückhaltung und Unterscheidungskraft geschehen, unter völligem Verzicht auf jede persönliche Meinung.

Viollet-le-Duc 1843, zit. nach dem Katalog der Ausstellung "Viollet-le-Duc" in den Galéries nationales du Grand Palais in Paris, 19.02. bis 05.05. 1980. Éditions de la Réunion des musées nationaux, Paris 1980, S. 74

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Notre Dame in Paris, Viollets Restaurierungsprojekt im Jahr 1843

Schon bei der nachfolgenden Restaurierung der Kathedrale Notre Dame in Paris, die Viollet-le-Duc zusammen mit Jean-Baptiste A. Lassus leitete, hat er sich weniger am historischen Bestand als an der Idee des Bauwerks orientiert und selbst nachgewiesene historische Motive "wie Zitate in andere architektonische Teile eingefügt". Mit Recht monierte die Kritik, dass Notre Dame historisch nie so ausgesehen hat wie im restaurierten Zustand. "Für sich genommen" haben "aber alle einzelnen Partien einmal bestanden." (Monika Steinhauser)

Bereits unter Zeitgenossen war diese auf exakter Dokumentation beruhende, mit starken Eingriffen und Überformungen verbundene Restaurierungspraxis umstritten. Victor Hugo, dessen Roman "Notre Dame" sich die in den 1830er Jahren aufkommende Begeisterung für diesen Monumentalbau überhaupt verdankt, plädierte für eine strenge Beachtung des historischen Zeugnisses in seinem Gewordensein und forderte für den Umgang mit Baudenkmalen:

„Ganz egal, ob sie [die Baudenkmale] alt sind oder beschädigt, durch das Wirken der Zeit und der Menschen haben sie eine gewisse Schönheit erlangt. Unter keinem Vorwand soll man daran rühren, denn das, was die Zeit und die Menschen ihnen genommen haben, hat eine Bedeutung für die Geschichte und manchmal auch für die Kunst. Man sollte sich nur erlauben, sie zu sichern und vor dem Umstürzen zu bewahren.“

Victor Hugo zit. nach Françoise Choay, Das architektonische Erbe, eine Allegorie. Basel, Berlin, Boston 1997, S. 119

Auch der einflussreiche Leiter der Commission des monuments historiques, der Schriftsteller Prosper Mérimée, stand der stilreinen Restaurierungspraxis, die sich unter Viollet-le-Duc als dem führenden Denkmalarchitekten des Landes durchsetzte, durchaus zurückhaltend gegenüber.

„Mir wäre es lieber gewesen, wenn man bei der neuerlichen Restaurierung dem nichts hinzufügen würde, was die Zeit uns hinterlassen hat, und wenn man sich darauf beschränkt hätte, zu säubern und zu sichern. An einigen Stellen hat man die Mauern neu verputzt, was ein großer Fehler ist, denn es wäre sehr viel wichtiger gewesen, den alten Zustand der Mauern, die in der Vergangenheit mehrfach ausgebessert worden sind, exakt zu bewahren.“

Prosper Mérimée zit. nach Françoise Choay, Das architektonische Erbe, eine Allegorie. Basel, Berlin, Boston 1997, S. 119

Wenn Fachleute unter den Zeitgenossen beklagten, dass die Monumente "durch allzu gesuchte Restaurazionen in ganz neuen Zustand" versetzt würden (Ludovic Vitet, 1852) und mit Bezug auf Viollet-le-Duc von "Restaurationsfieber" sprachen (Wilhelm Lübke, 1861), schließlich gar von einer "Zeitkrankheit" (Paul Clemen, 1898), so huldigten sie einem gänzlich anderen Begriff von Geschichte und zogen daraus andere Schlüsse für den angemessenen Umgang mit den Monumenten der Vergangenheit. Die Anhänger des Konservierens redeten einem "pietät"- oder "ehrfurchtsvollen" Umgang mit dem baulichen Erbe das Wort und glaubten den Zeugnissen der entfernten Vergangenheit "Respekt" und somit konservierendes Bewahren zu schulden. Viollet aber schaute auf das von ihm so bewunderte Hochmittelalter nicht mit der Distanz des Historikers, sondern mit der Neugier des Zeitgenossen einer aufkommenden Moderne.

„Wir glauben fest an den Fortschritt, wir verkünden ihn voller Freude inmitten unserer modernen Gesellschaft. [...] Unsere Kunst wird sich mit Hilfe gerade jener historischen Studien wieder aufrichten, die manche unserer Zeitgenossen nicht gelten lassen und die trotz allem weitergehen, ja weitergehen müssen, um fruchtbare Ergebnisse hervorzubringen. Bemühen wir uns darum, die Kunst vergangener Zeiten kennenzulernen; denn sie geduldig zu analysieren heißt, die Grundlagen für die Künste in unserem Jahrhundert zu schaffen. Wir werden erkennen, dass es neben den materiellen Voraussetzungen, die sich unablässig ändern, Prinzipien gibt, die unveränderlich sind, und dass die Geschichte, wenn die Neugier einmal geweckt ist, für den, der tiefer zu graben versteht, Schätze von Wissen und Erfahrung birgt, die der kluge Mensch nutzen sollte.“

Viollet-le-Duc, Definitionen. Sieben Stichworte aus dem Dictionnaire raisonné de l'architecture française du XIe au XVIe siècle. Aus dem Französischen von Marianne Uhl, Basel, Berlin, Boston 1993, S. 158f

 

Reproduktion aus: Viollet-le-Duc, Dictionnaire, Bd. 4, S. 135
Konstruktion eines gotischen Strebepfeilers

Viollet-le-Duc erforschte folglich das Moderne in der Gotik, untersuchte die Rationalität der gotischen Baukunst und meinte Parallelen zu der wegweisend neuen Glas-Stahl-Architektur seiner Zeit zu erkennen. Wie zuvor schon Ludovic Vitet betrachtete auch Viollet-le-Duc die gotische Architektur als laizistische und revolutionäre Baukunst, "die Aufbruch in moderne Zeiten signalisiert und deshalb dem 19. Jahrhundert näher steht als man das aufgrund der Chronologie glauben möchte" (Klaus Niehr).

„In diesen Keimzellen bürgerlicher Freiheit entstanden jene weltlichen Künstlerschulen, und als sie eines Tages stark genug waren, um selbständig, ohne klösterlichen Auftrag zu arbeiten, da waren es die Bischöfe, die, überzeugt hier die Pfeilspitze wider die Macht der Abteien und des weltlichen Adels gefunden zu haben, diese Schulen mit 'dem Monument der Stadt' beauftragten, der Kathedrale. [...] Diese Künstlerschule [...] gründete ihre Kunst auf das Gesetz des Gleichgewichts, das man bis dahin in der Architektur nicht gekannt hatte, auf die Geometrie, auf die Beobachtung von Naturerscheinungen, auf die Gesetze der Kristallisation, also auf alles, was nicht einen Deut von der Logik abweicht. In dem Bestreben, künftig Prinzipien an die Stelle von Traditionen zu setzen, ging diese Schule daran, die Flora des Feldes mit minutiöser Sorgfalt zu studieren.“

Viollet-le-Duc, Definitionen. Sieben Stichworte aus dem Dictionnaire raisonné de l'architecture française du XIe au XVIe siècle. Aus dem Französischen von Marianne Uhl, Basel, Berlin, Boston 1993, S. 34

 

Die prinzipielle Modernität der Gotik berechtigte die Baumeister des 19. Jahrhunderts, sich vornehmlich an dieser Epoche zu orientieren anstatt wie zuvor die klassischen Ideale antiker Baukunst einfach nur zu reproduzieren.

Reproduktion aus: Viollet-le-Duc, Dictionnaire, Bd. 2, S. 291
Notre-Dame in Paris, Rekonstruktion des alten Wandaufrisses

„Wir sind jedoch Kinder des neunzehnten Jahrhunderts und können nicht so tun, als würden uns nicht Ideen, Bedürfnisse und Methoden von der Antike trennen. Wir müssen die neuen Elemente, die Tendenzen einer neuen Gesellschaft berücksichtigen [...] Aber vergessen wir nicht, [...] dass die Industrie alle uns zur Verfügung stehenden Mittel ständig analysiert und umformt, dass an die Stelle von Traditionen und Regeln die nüchterne Überlegung getreten ist und dass schließlich die Kunst, will sie weiterhin existieren, ihr Milieu, in dem sie sich entfalten soll, kennen muß. Auf diesen völlig neuen Weg hat sich die Baukunst schon im Mittelalter begeben. Traurig, wenn man so will. Aber die Tatsache ist nicht zu leugnen, und wir können nur dafür sorgen, dass das Gestern der Vorläufer vom Heute bleibt. Besser noch wäre es, aus den Errungenschaften der vorausgegangenen Zeit das zu bewahren, was davon für uns heute noch brauchbar ist, und sich dabei zu fragen, ob nicht gerade diese unsere Leistungen vorbereitet haben. Das wäre jedenfalls vernünftiger, als sie verächtlich zu machen.“

Viollet-le-Duc, Definitionen. Sieben Stichworte aus dem Dictionnaire raisonné de l'architecture française du XIe au XVIe siècle. Aus dem Französischen von Marianne Uhl, Basel, Berlin, Boston 1993, S. 65f

In der Bilanz der sog. "Modernen" unter den Denkmalpflegern, die wie in Frankreich so auch in Deutschland gegen Ende des 19. Jahrhunderts zunehmend an Einfluss gewannen, stellt sich die Restaurierungspraxis des 19. Jahrhunderts, die ganz wesentlich den von Viollet-le-Duc vorgegebenen Gedanken der Stileinheit und Stilreinheit gefolgt war, ungeachtet aller zeitüblichen Respektsbezeugungen als überaus negativ dar. Das gilt für Cornelius Gurlitts auf dem Ersten Tag für Denkmalpflege geäußerten "wahren Zorn auf den größten aller Restauratoren, auf Viollet-le-Duc" wie für Paul Clemens Entrüstung über die zahlreichen Denkmalzerstörungen "durch falschen Eifer". Auf dem internationalen Kunsthistorikertag in Lübeck 1900 folgerte er daraus: "Die unselige Periode der stilreinen Wiederherstellungen hat in manchen Provinzen gehaust wie der Bildersturm."

Dessen ungeachtet hat Viollets Werk die wiederholten Diskussionen über Stilfragen, die die in der deutschen Denkmalpflege Tätigen um 1900 regelrecht fraktionierten, maßgeblich geprägt. Noch im Jahr 1900 auf dem legendären Denkmaltag in Dresden trat sein "Schüler" Paul Tornow, derzeitiger Dombaumeister von Metz, mit 16 Thesen auf den Plan, die ganz dem Geist des großen Franzosen huldigten.

„Da die meisten Baudenkmäler noch heute praktischen Zwecken dienen, so sei es unausbleiblich, dass sie mit der Zeit geändert oder erweitert würden. Hierbei habe als alleinige Regel zu gelten: Alle solche Arbeiten aufs strengste im Sinne und Geiste des ursprünglichen Erbauers auszuführen, sie so zu gestalten, dass sie aus dem Baudenkmal als etwas Selbstverständliches erwachsen zu sein scheinen und auf niemanden den Eindruck einer störenden und fremden Zutat machen. – Es stellte sich in jedem derartigen Falle der Architekt vor, dass genau die gleiche Aufgabe an den ursprünglichen Erbauer herangetreten sei, und nun bemühe er sich, sie möglichst genau so zu lösen, wie man annehmen könne, dass jener sie gelöst haben würde.“

Paul Tornow auf dem ersten Tag für Denkmalpflege in Dresden, 1900, zur Erläuterung seines Vortrags über "Grundsätze für die Wiederherstellung alter Baudenkmäler (Stilfragen)", zit. nach: Denkmalpflege. Auszug aus den Stenographischen Berichten des Tages für Denkmalpflege, hg. Von Adolf von Oechelhäuser, Bd. 1, Leipzig 1910, S. 53

Aktuell konzentriert sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Werk Viollet-le-Ducs in Deutschland auf einige wenige Kunsthistoriker (und Historiker), wogegen die Denkmalpflege sich augenscheinlich begnügt mit der selektiven Rezeption einer vor hundert Jahren geführten Debatte. Dabei kann der Streit über "Stilfragen" in der Denkmalpflege mit Hinweis auf die Grundsatzdebatte aus der Zeit um 1900 nicht ad acta gelegt werden. Als Plädoyer für Rekonstruktionen leben der "Geist" oder die "Idee" von Denkmalen in den Theoriediskursen der Gegenwart nämlich wieder auf. Expressis verbis beruft sich dabei kaum jemand auf den großen Vordenker – seinem Vorbild eifern dagegen viele in ihrer Praxis nach. Ob sie ihn erreichen, bleibt zu diskutieren.

 

Ingrid Scheurmann

Mai 2010

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