DenkmalDebatten
© Georg Dehio, Reppenstedt

Georg Dehio

Wirken in der Denkmalpflege

Georg Dehio (1850–1932) gilt heute als der eigentliche Gründervater der modernen Denkmalpflege. Unter dem griffigen Motto "Konservieren, nicht restaurieren!"  hat er dem Fach an der Schwelle zum 20. Jahrhundert den Weg von der stilreinen Restaurierungspraxis des 19. Jahrhunderts hin zur Anerkennung und Bewahrung der historischen Substanz und ihres Zeugniswertes gewiesen. Dehios öffentlichkeitswirksamer Einsatz für die Konservierung der Heidelberger Schlossruine (1901) und seine programmatische, die Kriterien der modernen Denkmalpflege wie auch das öffentliche Interesse an der Erhaltung historischer Baudenkmale begründende sog. Kaiserrede (1905) haben die Auffassung von zeitgemäßer Denkmalpflege europaweit nachhaltig geprägt. 

Reproduktion aus Georg Dehio: Aus Skizzenbüchern und Briefen (1947)
Ein Aquarell Dehios (Rothenburg)

Dies ist auf den ersten Blick umso erstaunlicher, als Dehio weder Kunsthistoriker oder Architekt gewesen ist – somit keiner der für die Denkmalpflege der Zeit maßgeblichen Professionen angehörte – noch jemals in die Praxis des Faches eingebunden war. Als Historiker der berühmten Göttinger Schule von Georg Waitz hatte ihn die intensive Begegnung mit der Kunstgeschichte Italiens erst nach Abschluss seiner Studien den Geschichtswissenschaften im engeren Sinne entfremdet. Damit waren die Grundlagen gelegt für Dehios nachfolgende kunsthistorische Forschungen und seine Aufgeschlossenheit gegenüber den Belangen der sich institutionalisierenden Denkmalpflege. "Anschauung" – in ihrer Bedeutung für die Bildung des Menschen selbst eindrucksvoll erfahren – sollte hernach die Lehre wie die publizistische Tätigkeit des Kunsthistorikers maßgeblich prägen, das "Reisen" zur Gewinnung ebensolcher Anschauung seinem Leben den eigentlichen Rhythmus vorgeben.

© Georg Dehio, Reppenstedt
Georg Dehio um 1883/84

Als Professor für Kunstgeschichte in Königsberg (1892-94) und Straßburg (1894-1914/18) hat sich Dehio nicht nur der Erforschung und Dokumentation der deutschen und europäischen Kunst- und Architekturgeschichte verschrieben, sondern in seiner gleichzeitigen Funktion als Leiter der örtlichen Grafischen bzw. Gemäldesammlung auch den Ausbau der ihm anvertrauten Sammlungen vorangetrieben. In der Fotografie erblickte er – ähnlich wie John Ruskin vor ihm – ein zeitgemäßes Medium der Kunst- und Denkmalkommunikation. Das Zeichnen, Aquarellieren und später das Fotografieren gehörte genauso selbstverständlich zu seinem Betätigungsfeld  wie das Reisen, das Erforschen und Dokumentieren der Baudenkmäler. Nicht von ungefähr sind die meisten seiner groß angelegten, oft zusammen mit Gustav von Bezold herausgegebenen Sammelwerke ausgestattet mit umfangreichen Tafelbänden oder Mappenwerken. Das gilt sowohl für "Die kirchliche Baukunst des Abendlandes" (1884–1901), die "Kunstgeschichte in Bildern" (1898–1902) wie auch für die "Die Denkmäler der deutschen Bildhauerkunst" (1905–26) und schließlich seine ebenfalls mehrbändige "Geschichte der Deutschen Kunst" (1919-26). Das letztgenannte, in mehreren Vorlesungszyklen in Straßburg vorbereitete, durch den Verlust des Elsass und mithin seiner "Heimat" geprägte Werk zur Geschichte der deutschen Kunst dokumentiert die nationalkonservative, lebensphilosophisch geprägte Grundhaltung des späten Dehio, die – ungeachtet der positiven zeitnahen Rezeption des Werkes – nach 1945 dafür verantwortlich war, dass das Gesamtwerk Dehios mit Ausnahme seines "Handbuches der Deutschen Kunstdenkmäler" nahezu in Vergessenheit geriet.

Reproduktion von Georg Dehio: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Bd. 1 (1905)
Der erste Band des Handbuchs

Das 1905–12 in erster Auflage fünfbändige Handbuch – heute kurz als "der Dehio" apostrophiert – gilt dagegen zurecht als einer der Höhepunkte kunsttopographischer Literatur und begründete ganz wesentlich den Nachruhm seines Initiators und Autors. Nicht nur liefert das Werk erstmals einen fundierten Überblick über die nationalen Kunstdenkmäler, es dokumentiert in den knappen, oft pointierten Kommentaren auch das Denkmalverständnis und -wissen seiner Zeit. Preisgünstig und handhabbar bietet es zudem Anleitungen zur eigenen Erkundung von Denkmalen und zum Sehenlernen. In mehrfachen Überarbeitungen hat der "Dehio" als Reiseführer wie "zum Gebrauch am Schreibtisch" bis in die Gegenwart hinein seine Bedeutung bewahrt.

Die kurze, durch das Handbuch-Projekt gekennzeichnete Schaffensepoche um 1900 steckt zugleich den zeitlichen Rahmen von Dehios denkmalpflegerischem Engagement ab. Seine Schriften zur Denkmalpflege – die Flugschrift "Was wird aus dem Heidelberger Schloss werden?" (1901), die sog. Kaiserrede von 1905 ("Denkmalschutz und Denkmalpflege im Neunzehnen Jahrhundert") und der Aufsatz "Denkmalpflege und Museen" (1911) – weisen ihn als profunden Kenner der Entwicklung der Denkmalpflege im 19. Jahrhundert, ihrer praktischen und theoretischen Grundlagen wie auch der Institutionalisierung des Faches in den europäischen Nachbarländern aus. Das Denkmal als Geschichtszeugnis verstanden, konzentriert sich Dehio weniger auf die Frage, was denn ein Denkmal sei, als darauf, wie eine sachgerechte Restaurierung der baulichen Hinterlassenschaften der nationalen Geschichte auszusehen hat, was "Echtheit" und "Wert" eines Denkmals ausmacht. Er wendet sich kritisch gegen die stilreine Restaurierungspraxis eines Viollet-le-Duc oder Paul Tornow.

"Scheinaltertümer", "Maskeraden" und "Täuschungen" macht der Denkmalhistoriker dort aus, wo ein vermeintlicher Originalzustand des Denkmals aus seinen diversen Zeitschichten herauspräpariert wird. Die Spuren der Geschichte sollten stattdessen, auch in Form von Ergänzungen und Hinzufügungen, sichtbar bleiben, Altes und Neues sich erkennbar voneinander unterscheiden. Neben einer zielgerichteten Ausbildung und Professionalisierung von Konservatoren und Restauratoren plädiert Dehio auch für eine konsequente Erziehung zu "Denkmalsfreundschaft", dafür, dass die Erhaltung des baulichen Erbes Aufgabe und Verantwortung aller sei, mithin in ein wirkliches "öffentliches Interesse" münden solle.

Fest verankert im Denken der historistischen Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts, stand Dehio im Streiten für eine konservierende Denkmalpflege in der zeitgenössischen Denkmaldiskussion an der Seite von Cornelius Gurlitt oder Paul Clemen. In der Anerkennung des historischen Werts eines Denkmals, der  Forderungen nach gesellschaftlich geübtem Schutz und Professionalisierung der denkmalpflegerischen Praxis trafen sich seine Überlegungen auch mit jenen Alois Riegls, dessen Schriften er vermutlich gekannt, aber niemals ausdrücklich zitiert hat. Wie dieser hatte Dehio über eine Kritik an der Restaurationspraxis seiner Zeit grundlegende Prinzipien der Denkmalpflege formuliert, die in Teilen heute erfüllt, in Teilen aber bis in die Gegenwart heftig diskutiert werden.

 

Ingrid Scheurmann

November 2009

Literatur

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